Pandemiefolgen: Unsere Jugend nicht vergessen!


Kein Teil unserer Bevölkerung hat in der Corona-Pandemie so viele (staatlicherseits verordnete) Einschränkungen hinnehmen müssen wie unsere Kinder und Jugendlichen. Schulschließungen, KiTa-Schließungen, Freizeiteinrichtungen, ja sogar Outdoor-Spielplätze gesperrt, keine Peergroup-Treffen, kein Vereins- und Gruppensport. Dabei waren sie (auch nach damals bereits vorliegenden Erkenntnissen) die am wenigsten gefährdete Gruppe.

Die >> sozialen, entwicklungspsychologischen, gesundheitlichen und bildungsrelevanten Folgen dieser Einschränkungen wurden schnell benannt. Viele Fachleute warnten vor den Folgen. Erst spät wurde gegengerudert.

Mittlerweile gibt es verschiedene >> Studien, die die Folgen der Maßnahmen für unsere Kinder und Jugendlichen klar und eindeutig benennen. Die Ergebnisse in wenigen Sätzen:

  • Die Schulbildung ist schlechter als jemals zuvor.
  • Die Zahl gesundheitlicher Beeinträchtigungen, die auch vor der Pandemie vorhanden waren, hat sich deutlich erhöht.
  • Gesundheitsabträgliche Verhaltensweisen haben deutlich zugenommen.
  • Befindlichkeitsstörungen haben zugenommen.
Dabei ist besonders prekär (auch darin sind sich alle Studien einig), dass Kinder und Jugendliche aus sozial und ökonomisch schwierigen Verhältnissen deutlich häufiger betroffen sind als solche aus einem besser gestellten Umfeld.

Es gibt also einen immensen Handlungsbedarf, der auch auf politischer Ebene erkannt und benannt wurde. Eine >> interministerielle Arbeitsgruppe (IMA) aus BMG, BMFSFJ und Experten hat bereits vor einem Jahr einen weitreichenden Bedarf an Unterstützungsmaßnahmen festgestellt und Forderungen formuliert. Die zuständige politische Ebene hat auch umfassende Hilfe zugesagt!

Die bisher getroffenen >> (staatlichen und staatlich finanzierten) Maßnahmen bleiben hinter allen Forderungen und Erwartungen zurück. In Anbetracht der Größe des Problems und der >> hohen Zahl betroffener Kinder und Jugendlichen sind die bis jetzt eingeleiteten Maßnahmen weniger als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.

Jetzt gilt es die gemachten Versprechen einzulösen!


Neben schulischen Maßnahmen zum Ausgleich von Lerndefiziten gilt es, bereits etablierte und erprobte Unterstützungsangebote der Kinder- und Jugendbetreuung auszubauen. Dies muss in allen Bereichen geschehen, in denen Kinder und Jugendliche betreut werden: Freizeiteinrichtungen, Sportvereine, Jugendtreffs, KiTas und Horte.

Solche Maßnahmen zum Aufbau und Förderung gesundheitsrelevanter Verhaltensweisen gibt es seit den 90er Jahren, integriert in bestehende Betreuungsangebote oder als Zusatzangebote. Bereits vor 30 Jahren, zu Zeiten der ersten deutschen HBSC-Studie, wurden gravierende gesundheitliche Beeinträchtigungen bei Kindern und Jugendlichen festgestellt und entsprechende Programme entwickelt und eingesetzt. Der Vorteil dieser Maßnahmen: Sie sind erprobt und etabliert. So kann schnell und kostengünstig auf den gesteigerten Bedarf an Unterstützung und Förderung reagiert werden. Dies ist ausdrücklich auch eine Empfehlung der IMA.

Insbesondere breitflächig angelegte strukturelle Maßnahmen müssen deshalb identifiziert und unterstützt werden. Der Ausbau vorhandener Maßnahmen muss dabei Vorrang haben vor neu zu etablierenden Angeboten (Zeit und Kosten). Der personelle Ausbau und die Qualifizierung von Fachpersonal müssen dafür in Angriff genommen werden. Ein besonderes Augenmerk muss dabei auf die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen aus benachteiligten Lebenslagen liegen.

Und es gilt, therapeutische Angebote (stationär und ambulant) auszubauen, um dem gestiegenen Bedarf dort, wo Prävention nicht mehr ausreicht, nachzukommen. Auch hier sollten niederschwellige Angebote umgehend stärker gefördert werden.

Und es gilt, dies jetzt umgehend zu tun!


Nur wenn wir jetzt schnell handeln, können Entwicklungsdefizite noch abgebaut werden und gesundheitliche Beeinträchtigungen ausgeglichen werden. Bevor es noch häufiger zu klinischen Behandlungsmustern kommt. Damit unsere Kinder und Jugendlichen stark sind für die Entwicklungsaufgaben, die vor ihnen liegen.
Reinhard Mann, Februar 2024
Klinischer Psychologe, Qualitätssicherung und Gesundheitsmanagement
Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Kinder- und Jugendgesundheit e. V.